AI-Thinking: Das Know-Why-Interview

„AI-Thinking“ orientiert sich bekanntlich an der Frage nach dem „Know-Why“. Kannst Du uns diesen Ansatz so knapp wie möglich erklären?

Abgesehen von der zivilisatorischen Aktualität ist die Frage nach dem Know-Why für mich eine sehr persönliche. Mich faszinierte von Kindheit an die Frage, wie Erwachsene munter ihren Aufgaben nachgehen können, ohne zu wissen warum sie dies tun. Dabei vernichteten sich ihre Früchte oft gegenseitig, was meiner Skepsis nur noch mehr Nährboden gab. Später stellte ich fest, dass man es nicht wirklich wissen kann. Wir können nur ahnen, vertrauen oder glauben, wobei mir das erste mittlerweile am liebsten ist. Um mir eine zuversichtliche Ahnung zu ermöglichen, bin ich stets der Frage nach dem „Warum?“ nachgegangen – unterstützt von meinem persönlichen Quellen-Mix - überwiegend aus Kant und Nietzsche, diversen Naturwissenschaften, Kunst, implizitem Sprachenwissen und nicht zuletzt Altertums-Weisheit von Vedas über chinesische Philosophen bis zur Antike, Renaissance und der russischen Literatur... Erst später vertraute ich mehr und mehr meiner eigenen Intuition. Ich studierte, experimentierte und beobachtete, was mich mittlerweile zuversichtlich darin stimmt, so einige Zusammenhänge besser erklären zu können als manch hochkarätiger Spezialist, auch besser als es die Wissenskonstruktion des Mainstreams hergibt oder die der Zeitgenossen unter uns, die elitär oder amtlich besserwissend sind bzw. es besser wissen müssten.

Erlaub uns dann ein weiteres aktuelles „Warum“: Warum haben wir die Digitalisierung?

Digitalisierung gab es schon immer als Medium der mehr oder weniger skalierbaren bzw. kontrollierten Komplexitätsreduktion. Sie ist aktuell ner emergent geworden und damit sehr intensiv, umfassend und schnell getaktet. Sie beschert uns eine bedingt zuverlässige Lebenswelt, eine Wirklichkeit, die aus dem gemeinsamen Handeln entsteht, dieses aber auch in einer Weise ermöglicht, und der Intersubjektivität zu verdanken ist. Ich versuche es mit einem Beispiel:

Wie ich im Buch „AI-Thinking“ erkläre, bildet eine Zahl nichts Reales ab. Sie basiert allein auf bequemen Absprachen und wurde zu einem bedingt zuverlässigen Instrument des gemeinsamen Handelns. Die Zahl ist ein Life Hack.

Die alten Kulturen wussten Life Hacks zu produzieren. In vielen indischen Sprachen zum Beispiel gibt es den Begriff „Jugaad“. (Davon leitet sich sogar eine moderne Management-Technik ab: „Justified Guideline to Achieve the Desired State“).

Wir lebten seit jeher in einer Natur, die weniger zuverlässig war, als man es gerne hätte. Und wir haben ein universelles Mittel erfunden, die Welt zu trivialisieren. Später führte genau dies zur technischen Zivilisation - mit ihrer Industrialisierung, Informatisierung und Digitalisierung. Hier in Kurzform mag es wie Junk Information klingen, sprunghaft und vereinfacht in Gedankenhäppchen, ähnlich dem Konsum von Junk Food. Im Buch „AI-Thinking“ finden Sie eine Erklärung, die detaillierter, konkreter, umfassender ist, ähnlich dem Konsum von Slow Food. Dort erkläre ich auch, warum wir Komplexitätsreduktion betreiben müssen: Sie hat nämlich mit unserer Sehnsucht nach Klarheit zu tun. Einer bestimmten Form von Klarheit.

Du sagst, man solle öfter zu Ende denken. Wie meinst Du dies? Könntest du uns ein Exempel aus dem Buch „AI-Thinking“ als Paradebeispiel geben?

Die Diskussion in Deutschland darüber, dass „sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen“, meint eine Interpretation von KI in anthropomorpher Gestalt von Robotern, was entsprechend zu Konkurrenzdenken führt. Zu Ende gedacht, ist dies ein pures Missverständnis. KI ist kein Subjekt, sondern ein Instrument. Nicht anthropomorph, sondern nur anthropogen. Nur Subjekte können miteinander konkurrieren.

Halten wir fest: Es konkurrieren also Menschen, die Instrumente nutzen, mit anderen Menschen, die keine, andere oder weniger Instrumente nutzen. Es war immer so. Nur mit KI wird diese Konkurrenzsituation fatal. Damit KI nicht zum KO wird, darf es niemandem gehören. Erst wenn die global vernetzte KI zum technischen Gehirn der Welt wird, wird sie zum Subjekt, das keinem gehören kann. Auch interagiert sie selbst dann nicht mit der Menschheit, sondern mit jedem einzelnen menschlichen Subjekt (in seiner absoluten Potenzialität). Wir werden eine andere Intersubjektivität erfahren, die nicht auf Konkurrenz basiert. Denn KI hat keine biologische Selbstregulation. Ihr Sinnkreislauf erfolgt dann vollkommen autonom und parallel. Uns Menschen verbindet ja die strukturelle Kopplung (gemeinsame Evolution). Uns mit KI der Zukunft wird die subjektübergreifende Zweckrationalität verbinden und gleichzeitig auch trennen.

Du hast über die Sehnsucht nach Glück geschrieben. Du profilierst sie zum wirtschaftlichen Modell und siehst sie als eine Ermöglichungsperspektive von KI. Gibt es also eine Definition von Glück, die KI-fähig wäre? Ist sie umfassend genug beschrieben?

Natürlich nicht umfassend beschrieben, aber ausreichend angedeutet. Diese Perspektive ist eines komplett eigenständigen, weiteren Werks wert. Einen Aspekt habe ich sogar ganz ausgeklammert: Meiner Beobachtung zufolge hat Glück für viele mit Nicht-Existenz zu tun. Wenn wir die Sinnsuche an „Spezialisten“ wie Kirchen und bestenfalls Berufsphilosophen auslagern - bei arbeitsteiligen Zeitgenossen gilt individuelle Sinnsuche als fast unanständig - bleibt die persönliche Existenz allein durch ein aktuell mehr oder weniger würdiges Überleben nach möglichst klaren Regeln legitim. Und solch eine Existenz sollte möglichst reibungslos oder nicht in einem allzu individuellen Ausnahmemodus ablaufen. Also sieht der Mainstream das aufgeklärte Bilderbuch-Leben als Glück an. Problematisch dabei ist nicht das Reibungslose an sich, sondern die geistige Passivität, das Fehlen der aktiven Sinndimension.

Zum Abschluss noch eine Bitte um Deine Einschätzung: Du betrachtest KI als Instrument der Erneuerung der Zivilisation. Sind wir bereit dafür?

Wir haben alles dafür - zum Glück noch sowohl in unserer menschlichen Potenzialität (wären wir bereits etwa Cyborgs, hätten wir diese nicht mehr) als auch in der Aktualität der zivilisatorischen Notwendigkeit als einen negativen Motivationsfaktor, d.h. um noch rechtzeitig irreparablen Katastrophen aus dem Weg zu gehen. Auch sind Denkende unter uns wissend und willig genug, sofern ihre existenziellen Interessen sie nicht in einem bequemen Irrtum intellektuell im Stich lassen. Ob die wenig effizienten Systeme zügig mitziehen, die von KI-in-Menschen geprägt sind, kann ich aktuell nicht abschätzen.

Es gibt sicher tradierte Unwissenheit und die entsprechenden persönlichen Haltungen, die uns Richtung Cyborg-Welt lenken, indem sie Fakten schaffen, welche die sapienten Potenziale nachhaltig zerstören. Sie nennen die Aktualität gerne „Realität“ und Intersubjektivität halten sie für „objektiv“.

Belohnt wäre in einer Cyborg-Welt nach wie vor - wie heute überwiegend schon, aber dann auch nur - die menschliche Entfremdung, nicht die Entfaltung, und als Kompensation würde man einen geldwerten Machtanspruch in komplexen Hierarchien erhalten - bei einem rasanten Generationswechsel ohne Zusammenhalt und einer Verständnisgrundlage. Aufgezeichnet von Sabrina Klein, Interviewpartner Leon Tsvasman.




Wer sind wir?

Wir sind KI-Enthusiasten (ein praktizierender Denker, ein denkender Praktiker und eine empathische Muse des Gleichgewichts), die glauben, dass KI ein nützliches Werkzeug ist, um unsere Zivilisation in einer Weise zu verbessern, die es wert ist, vorauszudenken. KI-Denken ist eine Denkweise, die das humanistische Potenzial befähigt. AI-Thinking ist ein Grundlagenwerk, um diese Chance zu nutzen. Unsere Absicht ist es, zu inspirieren, Potenziale zu erschließen und die globalen irreparablen bis tödlichen Risiken aufzuzeigen.

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© 2019 by Leon Tsvasman & Florian Schild, Art Background by Rudolf Hürth, Graphical elements by Katharina Piriwe and Marina Skepner.